Kennst du auch dieses Phänomen: Manche (öffentliche) Plätze füllen sich von allein mit Menschen, die verweilen, Mittagspause machen, oder sich mit den Freunden treffen. Während andere Plätze nur durchquert werden – man geht hindurch, aber niemand bleibt. Was liegt dahinter?
Die Antwort hat weniger mit dem Publikum zu tun, wer da in der Nähe wohnt, arbeitet oder sogar touristisch unterwegs ist, viel mehr mit der Qualität der Gestaltung. Der dänische Architekt und Stadtplaner Jan Gehl hat sich lebenslang mit der menschenorientierten Stadtplanung mit höher Lebensqualität beschäftigt. Er hatte die Frage gestellt, wie die gebaute Umwelt das beeinflusst, was Menschen in einem Raum tun? In seinen Büchern Leben zwischen Gebäuden und Städte für Menschen legt er eine Methode vor, mit der sich die Qualität des öffentlichen Raums und das öffentlichen Leben systematisch untersuchen lässt.
Besonders bekannt ist auch seine Qualitätskriterien-Liste, die heute weltweit in der Stadtplanung verwendet wird. Sie umfasst drei zentrale Bereiche mit insgesamt zwölf Kriterien: Schutz, Komfort und Freude.
Ich möchte gerne hier die Untersuchungsmethode von Gehl vorstellen, allerdings mit einer bewussten Übertragung in die Innenräume und private Räume. Im Kern geht es dabei immer um dasselbe: das Wohlbefinden der Menschen. Ein Raum ist dann lebenswert, wenn er nicht nur funktioniert, sondern auch dazu einlädt, zu bleiben.
In folgenden Abschnitten werde ich drei Schritte vorstellen, mit denen sich diese Frage systematisch beantworten lässt: Wie lassen sich Räume lebenswerter gestalten. Und am Ende eine praktische Qualität-Checkliste – eine Erweiterung von Gehls Version – mit der sich jeder Raum überprüfen lässt.
Finde heraus, was die Menschen in Einem Raum tun
Der erste Schritt jeder Raumanalyse ist denkbar einfach: Wie ist die physische Gegebenheit des Raums – Größe, Zugänge, Ausrichtung usw. Es wird aber oft übersprungen: genau beobachten, wie Menschen sich darin verhalten und wie sie ihn tatsächlich nutzen. Jan Gehl unterteilt diese Aktivitäten in seinem Buch Städte für Menschen in drei Kategorien: Notwendige Aktivitäten, freiwillige Aktivitäten und soziale Aktivitäten.
Notwendige Aktivitäten sind all jene Dinge, die man tun muss, unabhängig davon, wie die Bedingungen sind. Dazu zählen zur Arbeit gehen, zur Schule gehen, auf den Bus oder die Tram warten, einkaufen gehen. Wenn es auf die privaten oder gewerblichen Räume kommt, ist die Toilette ein passendes Beispiel. Diese Aktivitäten finden statt, ob der Raum nun einladend gestaltet ist oder nicht – man hat schlicht keine Wahl.
Freiwillige Aktivitäten hingegen sind Tätigkeiten, die man freiwillig auswählt. Sie dienen dem Verweilen und der Erholung: in den Park gehen, stehen bleiben und die Umgebung anschauen, sich hinsetzen, die Sonne genießen. Überträgt in privaten Räumen, könnte hier bspw. das Wohnzimmer, eine gemütliche Leseecke oder der Balkon sein. Ob diese Aktivitäten überhaupt stattfinden, hängt stark davon ab, wie einladend die gebaute Umgebung gestaltet ist.
Soziale Aktivitäten schließlich umfassen alle Formen zwischenmenschlicher Kommunikation und Interaktion, die dort stattfinden, wo sich Menschen versammeln. Das reicht von passiven Formen – andere Menschen anschauen, beobachten und zuhören – über proaktive Kontakte wie spontane Begrüßungen, Small-Talks, Spielen und Treffen, bis hin zu geplanten Ereignissen und Veranstaltungen wie Märkten, Festivals oder Demonstrationen.
Ein Café oder Restaurant ist dafür ein gutes Beispiel: Der eigentliche Bedarf – essen oder trinken – wäre auch woanders zu decken. Dass Menschen dort bewusst hingehen, verweilen und sich begegnen, macht diese Räume heute zu klassischen Orten freiwilliger und sozialer Aktivitäten.
Verstehe, wie stark die gebaute Umwelt sich auf die Aktivitäten auswirkt
Wenn man weiß, welche Art von Aktivitäten in einem Raum stattfinden, stellt sich die nächste Frage: Wie sehr hängt das eigentlich von der Qualität der gebauten Umwelt ab?
Jan Gehl beantwortet diese Frage in Leben zwischen Gebäuden mit einer einfachen, aber wirkungsvollen Grafik. Auf der einen Achse steht die Qualität der gebauten Umwelt – von minderwertig bis hochwertig. Auf der anderen Achse stehen die drei Aktivitätskategorien: notwendige, freiwillige und soziale Aktivitäten.
Das Ergebnis: Notwendige Aktivitäten finden nahezu unabhängig von der Umweltqualität statt – Menschen warten auf den Bus, ob der Wartebereich nun schön gestaltet ist oder nicht, weil sie keine andere Wahl haben. Freiwillige Aktivitäten hingegen reagieren sehr stark auf die Qualität des Raums: Bei geringer Qualität finden sie kaum statt, bei hoher Qualität nehmen sie deutlich zu. Soziale Aktivitäten liegen dazwischen, folgen aber einem ähnlichen Muster wie die freiwilligen Aktivitäten – denn sie entstehen meist dort, wo Menschen sich ohnehin schon freiwillig aufhalten.
Diese Erkenntnis ist zentral: Wenn man das Ziel hat, dass ein Raum belebt ist, dass Menschen sich darin begegnen und Zeit verbringen, muss auf die Gestaltung achten. Es ist die Qualität der gebauten Umwelt, die darüber entscheidet, ob aus einem reinen Durchgangsort ein Ort des Verweilens wird.
Aber man kann auch diese Erkenntnis andersrum in der Praxis einsetzen. Beim Interieur Design für Fast-Food-Restaurants wird oft angeführt, dass die Sitzmöglichkeiten bewusst hart und weniger bequem gestaltet werden. Auch die Farbe Rot wird häufig genutzt, weil sie den Menschen subtil eine Hektik und Unruhe erzeugen soll. Diese Gestaltungsentscheidungen werden oft damit erklärt, dass sie dazu führen, dass Kunden schneller mit dem Essen fertig sind und den Laden zügiger wieder verlassen.
Passe die Anforderungen des Raums an die darin stattfindenden Menschenaktivitäten an
Aus den ersten beiden Schritten ergibt sich der dritte, praktische Schritt: die konkrete Gestaltung. Welche Qualitätsfaktoren ein Raum braucht, hängt davon ab, welche Aktivitäten er unterstützen soll.
Ganz am Anfang stehen die Must-Haves, die für jeden Raum gelten, unabhängig von der Art der Aktivität: Sicherheit, Sauberkeit und Zugänglichkeit. Ohne diese Grundlagen funktioniert kein Raum – man meidet ihn sogar für die dringendsten und notwendigsten Aktivitäten.
Darauf aufbauend kommen die Faktoren, die vor allem notwendige Aktivitäten unterstützen: Beleuchtung, Witterungsschutz und Sitzmöglichkeiten. Sie sorgen dafür, dass auch das Warten auf den Bus oder der Weg zur Arbeit unter zumutbaren Bedingungen stattfindet. Oder denke an den Wartebereich eines Amtes oder einer Arztpraxis.
Danach liegt ein Übergangsbereich: genug Platz, ästhetische Qualität und Begrünung. Diese Faktoren sind besonders wichtig, denn auch wenn die gebaute Umwelt notwendige Aktivitäten am wenigsten beeinflusst, heißt das nicht, dass diese Räume vernachlässigt werden dürfen. Wenn ein Ort mehr anbietet als nur sein Zweck zu erfüllen, dann fühlt man sich doch positiver, das Warten z.B. könnte durchaus kürzer vorkommen. Die Zeit oder die Aktivität kann plötzlich aus einer Pflicht ein schönes Ereignis werden. Meine Diplomarbeit hat sich aus diesem Gedanke entwickelt. Siehe Tris.
Schließlich kommen die Faktoren, die volle Aufenthaltsqualität schaffen und freiwillige Aktivitäten ermöglichen: Temperatur und Mikroklima, visuelle und akustische Attraktionen, zusätzliche Angebote wie Spielplatz oder Essen / Getränke, interaktive Installationen sowie Möglichkeiten zu selbstständigen Kreationen.
Wenn die Begriffe doch zu abstrakt sind, lass mich eine Szene beschreiben. An einem herbstlichen Morgen strahlt die Sonne gold und sanft auf die Terrasse, leichte Wind weht. (Temperatur und Mikroklima) Du setzt dich an einem Tisch und nimmst ein neues Buch raus der Tasche. Die Bäume im Innenhof bewegen sich leicht. Ab und zu fällt ein Blatt runter. (Visuelle Attraktion) Eine Bedienerin bringt dir deinen großen Cappuccino (Zusätzliche Angebote) und erstaunt den Zufall dass sie das selbe Buch auch gerade fertig gelesen hat. Du genießt den Kaffee und das Lesen. Du holst einen Ginkgoblatt auf dem Boden und nutzt als Lesezeichen für das Buch. Beim Verlassen des Cafés entdeckst du einen Barista-Workshop, der monatlich hier im Café stattfindet. (Selbstständige Kreation) Das wäre doch ein super Geburtstagsgeschenk für Sabine.
Du siehst vielleicht durch diese Beschreibung. Die Faktoren, die die Aufenthaltsqualität verbessern, geben den Menschen einfach emotionale Unterstützung oder Bindung zum Raum. Man fühlt sich dadurch wohler und will auch länger bleiben. Je mehr dieser Ebenen ein Raum erfüllt, desto einladender wird er – und desto eher verwandelt er sich von einem reinen Funktionsort in einen Ort, an dem Menschen gerne sind und nicht verlassen möchten. Das Ziel dieser schrittweisen Anpassung steht sehr fest – die glücklichsten Menschen.
Key Takeaways
Ich hoffe du könntest nun einen Raum anders betrachten, egal ob er ein öffentlicher oder privater, draußen oder innen ist. Viellicht kannst du nächstes Mal auch bewusster selbst beobachten, wie du dich in einem bestimmten Raum verhalten und wann fühlst du dich am wohlsten.
Nun zusammengefasst, drei Schritte, um einen Raum lebenswerter zu gestalten:
1. Finde heraus, was die Menschen in diesem Raum tun.
2. Verstehe, wie stark die gebaute Umwelt sich auf die Aktivitäten auswirkt.
3. Passe die Anforderungen des Raums an die darin stattfindenden Menschenaktivitäten an.
Qualität-Checkliste:
Sicherheit
Sauberkeit
Zugänglichkeit
Beleuchtung
Witterungsschutz
Sitzmöglichkeiten
Genug Platz
Ästhetische Qualität
Begrünung
Temperatur / Mikroklima
Visuelle/akustische Attraktionen
Zusätzliche Angebote (Spielplatz, Essen, Getränk, etc.)
Interaktive Installationen
Möglichkeiten zu selbstständigen Kreationen
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